09
Nov

Mehr wollen, weniger haben

Ich will leichter werden. Gewicht verlieren. Ballast abwerfen. Meine everyday Skiausrüstung setzt sich zusammen aus Helm, Kappe, Ski- und Sonnenbrille, Neckwarmer, drei Bekleidungsschichten für den Oberkörper, ABS-Rucksack, Handschuhe, zwei Schichten für den Unterkörper, Socken, Stöcke, LVS und Ski mit Bindung. Im Rucksack liegen noch First Aid Kit, Schaufel, Sonde, Feldstecher und ein Werkzeug. Das ist mir zu viel: meine Ausrüstung muss abspecken.

Aber wie stelle ich das an, ohne dass das Equipment seine Funktion verliert? Zuerst nehme ich jedes einzelne Ausrüstungsteil in die Hand und frage mich dabei: „Brauche ich das diese Saison wirklich?“ Aber nach welchen Kriterien beantworte ich diese Frage? Schliesslich denke ich mir: „Alles, was ich letzte Saison gar nicht oder weniger als dreimal gebraucht habe, muss gehen.“ Also verabschiede ich mich von ABS-Rucksack, Schaufel, Sonde, LVS und lege mein Leben in Gottes Hände. Halt! Stopp! Auf Schaufel, Sonde und LVS darf ich nicht verzichten, weil ich ja nicht allein auf Skisafari fahre. Und wer weiss, in wessen Hände meine Skigspändli ihr Leben legen. Vielleicht in meine. Schliesslich sage ich Tschüss zu Kappe, Neckwarmer, Ersatzglas, Sonnenbrille, ABS-Rucksack und Feldstecher.

Nachdem ich die Anzahl der Ausrüstungsgegenstände reduziert habe, geht es in einem zweiten Schritt darum, jedes einzelne Teil im Gewicht zu optimieren. Brauche ich wirklich alles, was im First Aid Kit enthalten ist? Soll ich den Kompass spicken lassen, weil ich ja ein Smartphone habe? Reicht ein Meter Klebeband oder genügen zehn Zentimeter? Brauchen die Stöcke wirklich grosse Teller? Sind Ohrenklappen und Helmvisier wirklich nötig? Benutze ich alle Aufsätze meines Werkzeugs? Gibt es die Sicherheitsnadel auch kleiner? Und was sollen eigentlich all diese Bändel und Schnallen an meinem Rucksack? Gleichzeitig mit der Beantwortung dieser Fragen entstehen zwei Haufen. Auf dem einen liegt das abgemagerte, verstümmelte Equipment für die bevorstehende Saison. Auf dem anderen die amputierten Innereien und Einzelteile: Klebeband, Pflaster, Zacken der Skiteller, Ohrenklappen, Visier, Schrauben, Bändel, Schnallen.

Weil ich meine Packung immer noch zu dick finde, suche ich den Teufel im Detail. Ich breche Streichhölzer ab, kürze das Klebeband nochmals, reisse Aufkleber ab, entschichte Verbandgazen, schneide Etiketten und Waschhinweise ab, löse Markenzeichen, kratze die Schrift ab und fahre zum Schluss mit dem Staubroller über die Kleidung.

Und wozu das alles? Ganz einfach. Ich will leichter werden, damit ich höher aufsteigen, schneller laufen und weiter fliegen kann. Ich werfe unnötigen Ballast ab, weil ich beweglich und geschmeidig unterwegs sein will. Und ich will sehen, wofür es Platz gibt, wenn ich Sachen entferne, die ich gar nicht wirklich brauche. (cc/ss)

Bildnachweis: Daniel Bayer.